Kaum ist das neue Jahr ein paar Tage alt, wissen erstaunlich viele Menschen erstaunlich genau, was an den Börsen passieren wird. Aktienmärkte, Zinsen, Inflation, Rohstoffe – alles wird eingeordnet, bewertet und in Szenarien gegossen. Oft mit ernster Miene. Fast immer mit Grafiken.
Ein Ritual mit erstaunlicher Haltbarkeit
Das Faszinierende ist nicht, dass Prognosen veröffentlicht werden.
Das Faszinierende ist, dass wir sie jedes Jahr wieder lesen.
Obwohl:
- sie sich regelmäßig widersprechen
- sie fast nie systematisch überprüft werden
- und ihr praktischer Nutzen für Anleger gegen Null geht.
Viele Prognosen sind so formuliert, dass sie immer recht behalten können:
- „Die Märkte bleiben volatil.“
- „Chancen und Risiken halten sich die Waage.“
- „Langfristig sind Aktien alternativlos – kurzfristig aber riskant.“
Das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht besonders hilfreich
Zwei laute Prognosen – und warum sie problematisch sind
Einige Prognosen sind nicht nur ungenau, sondern vor allem laut. Sie erzeugen Aufmerksamkeit, Schlagzeilen und gelegentlich auch Entscheidungen, die man später lieber nicht getroffen hätte.
Beispiel 1: „Dieses Jahr müssen Anleger unbedingt investiert bleiben – sonst verpassen sie DIE Rally.“
Diese Aussage ist deshalb problematisch, weil sie Angst erzeugt.
Nicht die Angst vor Verlusten, sondern die Angst, etwas zu verpassen.
Sie suggeriert:
- Es gäbe einen klar erkennbaren Zeitpunkt
- Wer nicht handelt, mache einen Fehler
- Abwarten sei per se falsch
Beispiel 2: „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um aus dem Markt zu gehen.“
Diese Prognose ist der Zwilling der ersten – nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Sie unterstellt:
- Dass jemand systematisch erkennt, wann Risiken „zu hoch“ sind
- Dass ein späterer Wiedereinstieg gelingen wird
- Dass Nichtstun gefährlicher ist als Aktion
Das Ergebnis ist häufig bekannt:
Man steigt aus, fühlt sich kurzfristig klug – und wartet dann auf den perfekten Wiedereinstieg, der nie kommt.
Beide Prognosen haben eines gemeinsam:
Sie liefern klare Handlungsimpulse, aber keine belastbare Entscheidungsgrundlage.
Eine einfache, unbequeme Frage
Hilft eine einfache Frage weiter?
Wenn jemand die Entwicklung der Börsen wirklich kennen würde – womit würde er dann mehr Geld verdienen?
Mit dem Handel an den Märkten?
Oder mit dem Schreiben von Prognosen für andere?
Die Antwort ist meistens still. Und genau das macht sie interessant.
Was Forschung und Erfahrung dazu sagen
Mein Kollege Gerd Kommer, dessen Schriften ich sehr schätze, hat sich intensiv mit der Qualität von Finanz- und Marktprognosen beschäftigt. In seinem Artikel „Finanzprognosen – nutzlos, irreführend, schädlich?“ fasst er zahlreiche Studien zusammen.1
Die Kurzfassung:
- Die Trefferquoten von Markt-, Zins- und Konjunkturprognosen liegen nicht über dem Zufall
- Experten schneiden langfristig nicht besser ab als einfachste Modelle
- Prognosen führen Anleger häufig zu Aktionismus – nicht zu besseren Ergebnissen
Oder anders gesagt:
Prognosen sind gut darin, Beschäftigung zu erzeugen – aber schlecht darin, Vermögen aufzubauen.
Dazu fällt mir eine alte Bauernregel ein:
Wenn der Hahn kräht auf dem Mist
ändert sich das Wetter
oder es bleibt, wie es ist.
Warum wir Prognosen trotzdem mögen
Prognosen erfüllen einen emotionalen Zweck.
Sie geben:
- (Scheinbar) Orientierung
- (Scheinbar) ein Gefühl von Kontrolle
- (Scheinbar) eine Geschichte, die erklärt, warum etwas passieren könnte
Mein Gedanke dazu:
trenne Dein Geld von Deinen Emotionen,
bevor dich Deine Emotionen von Deinem Geld trennen.
Denn Märkte interessieren sich nicht für Prognosen.
Sie reagieren auf Millionen von Informationen, Erwartungen und Überraschungen – gleichzeitig.
Wenn Prognosen sogar schaden
Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Anleger durch häufiges Umschichten, Timing-Versuche und das Reagieren auf Marktnachrichten und Prognosen systematisch schlechtere Ergebnisse erzielen als der Markt selbst. Nicht wegen mangelnder Intelligenz – sondern wegen menschlicher Reaktionen auf Unsicherheit, Angst und vermeintliche Sicherheit.2, 3
Was stattdessen trägt
Gute Finanzentscheidungen funktionieren nicht, weil man die Zukunft kennt.
Sondern obwohl man sie nicht kennt.
Deshalb setzen seriöse Finanzplanung und gute Investitionsentscheidungen nicht auf:
- Jahresprognosen
- Marktmeinungen
- oder das Gefühl, „jetzt handeln zu müssen“
Sondern auf:
- klare Ziele
- realistische Zeithorizonte
- Diversifikation
- und Disziplin, wenn es unbequem wird
Das ist weniger aufregend als eine Prognose.
Aber deutlich wirksamer.
Zum Schluss
Vielleicht ist die wichtigste Frage zum Jahresanfang nicht:
„Was wird der Markt dieses Jahr machen?“
Sondern:
„Was ist eine gute Entscheidung, wenn ich akzeptiere, dass ich es nicht weiß?“
Das ist keine spektakuläre Frage.
Aber eine erstaunlich gute.
Herzliche Grüße
Ulrich Ritter
Finanzelot
Quellen & Hinweise
- Gerd Kommer: Finanzprognosen – nutzlos, irreführend, schädlich?
https://gerd-kommer.de/blog/finanzprognosen/ - DALBAR, Quantitative Analysis of Investor Behavior (QAIB
Langzeitstudien zum Anlegerverhalten und Renditedifferenzen - Barber, B. / Odean, T.: Trading Is Hazardous to Your Wealth
Empirische Untersuchung zu den negativen Effekten häufigen Handelns

